Seminar
Der (sur)rationale Gegenstand
Michael Schwarz:
In Gaston Bachelards surrationalistischem Weltbild dient der
experimentelle Umgang mit Dingen und Ideen zur virtuellen/ideellen und
materielle Erweiterung. Die imaginative Autonomie, die zum
künstlerischen Werk führt, lässt sich einerseits nicht kausal aus seiner
Vergangenheit ableiten und erfordert andererseits zur Rezeption eine
„schöpferische Aktivität“ des „Zuschauers“. Unter diesem Aspekt soll im
Seminar die künstlerisch-politische Theorie Jacques Rancières mit den
Themen „Autonomie der Kunst“, Dissens versus Diskurs, „Emanzipation“ und
„Unmündigkeit“ besprochen werden.
Benjamin Busch:
Zuhause ist eine Grube. Die häusliche Sphäre ist seit langem eine
Gewinnungsstelle, und diese Tatsache bleibt im Überwachungskapitalismus
unverändert. Kartierungs- und Modellierungstechnologien, die zur
Vermessung von externen Territorien entwickelt wurden, haben sich nun
auf das Innere gewendet: den Innenraum des Hauses und das Innenleben der
Nutzer. Im praktischen Teil dieses Seminars werden räumliche
Kartierungstechnologien (Photogrammetrie und 3D-Scanning) eingesetzt, um
virtuelle Modelle der Dinge um uns herum zu erzeugen. Ziel ist es, ein
Verständnis dafür zu gewinnen, wie diese Technologien funktionieren und
auch wie wir sie künstlerisch anwenden können. Indem wir die Dinge
abstrahieren und dekontextualisieren, werden wir sie in neue
Zusammenhänge bringen, die mit der Idee des Häuslichen verbunden sind.
Dazu werden wir virtuelle Formate (Web, Video, VR) oder physische
Formate (3D-Druck, CNC) verwenden. Die Teilnehmenden werden gebeten,
eine Projektidee mitzubringen.
Michael Schwarz:
In Gaston Bachelard‘s surrationalist world view, the experimental
handling of things and ideas serves as a virtual/ideal and material
extension. On the one hand, the autonomy of imagination that leads to
the artistic work cannot be derived causally from its past and, on the
other hand, requires a „creative activity“ of the „spectator“ for
reception. Under this aspect, Jacques Rancière‘s artistic-political
theory with the topics „autonomy of art“, dissent versus discourse,
„emancipation“ and „immaturity“ will be discussed in the seminar.
Benjamin Busch:
Home is a mine. The domestic sphere has long been a site of extraction,
and this fact is unchanged under surveillance capitalism. Mapping and
modeling technologies that were developed to survey exterior territories
have now been turned on the interior: the interior space of the home
and the inner life of users. The practical part of this seminar will use
spatial mapping technologies (photogrammetry and 3D scanning) to
generate virtual models of the things around us. The goal is to gain an
understanding of how these technologies work and how we can use them
artistically. By abstracting and decontextualizing the things, we will
enter them into new sets of relations connected to the idea of the
domestic. This will be done using virtual formats (web, video, VR) or
physical ones (3D printing, CNC). Participants are encouraged to bring
an idea for a project.
Literatur:
Bachelard, Gaston: Der Surrationalismus. Konstanz 2017.
Bachelard, Gaston: Poetik des Raumes. München 2014 (Originalausgabe: 1957/1960).
Latour, Bruno: „Eine Soziologie ohne Objekt?“. In: Berliner Journal für Soziologie, 2001, Nr. 2, S. 237-252.
Rancière, Jacques: Der emanzipierte Zuschauer. Wien 2009/2015; The Emancipated Spectator. London/New York 2009.
Sklovskij, Viktor: „Kunst als Verfahren“ (1916). In: Mierau, Fritz
(Hrsg.): Die Erweckung des Wortes. Essays der russischen Formalen
Schule. Leipzig 1991, S. 11-32; Viktor Shklovsky, „Art as Technique“.
Rancière, Jacques: Zehn Thesen zur Politik. Zürich 2008; Ten Theses on Politics. In: Theory & Event, 2001, Nr. 3.